Tim Krohn schreibt sich frei

Tim Krohn Zürich Juventus

«Ich war kein guter Schüler». So die erste Aussage von Tim Krohn, mit der er augenblicklich die volle Aufmerksamkeit der Gymiklassen 3 und 7 hat. Die haben den Autor von Vrenelis Gärtli mit selbstgebackenem Kuchen beim exklusiven Werkstattgespräch empfangen. Er habe zwar viel Talent gehabt, aber eben meist nur das Minimum gemacht. Der Glarner Schriftsteller lächelt den Lernenden aufmunternd zu: «Meine Lehrpersonen haben mich aber irgendwie immer akzeptiert, weil sie mein Talent erkannten.» Er werde übrigens sehr selten von Schulen eingeladen, meint Krohn. Das macht seinen Besuch an den Juventus Schulen gleich noch spezieller.
Auf die Frage des Deutschlehrers Roland Stüben, ob seine Romane denn von Beginn an Anklang fanden, räumt der Schriftsteller ein «Nicht wirklich» ein und gesteht: «Da wollte ich auch noch angeben.» Mit seinem Roman Quatemberkinder, dem Vorreiter von Vrenelis Gärtli, gelang ihm schliesslich der Aufstieg in den Bucholymp. Er stand damit sogar im Mittelpunkt der Frankfurter Buchmesse. Skurril genug also, dass der Wahl-Engadiner trotzdem nicht zu den geladenen Schweizer Gästen zählte. «Mein Buch passte wohl einfach nicht in den Kanon», lautet Krohns nüchterner Kommentar.

«Ich habe wahnsinnig gerne Menschen»
Konformität scheint für den freischaffenden Autor sowieso ein Fremdwort zu sein. Er sieht das Schreiben als gesellschaftlichen Beruf, bei dem er die Möglichkeit hat, mit den Lesern in Verbindung zu treten. Seine Augen strahlen, als Tim Krohn anfügt: «Ich will Geschichten von Aussenseitern erzählen und ihnen dabei so nah kommen, dass man anfängt, sie zu lieben.» Und wenn er eine Figur nicht mag, dann könne er über sie nicht schreiben: «Ja, dann muss ich sie säddere laa», meint Krohn in breitestem Mundart.

Die Dialektsprache ist auch eines der Hauptmerkmale seines Romans Vrenelis Gärtli. Bevor er zu Schreiben anfinge, frage sich der Autor jeweils: «Wie kann ich meinen Charakter am besten greifen?» Bei Vreneli und ihrem Welthorizont fiel die Wahl auf die Wärme des bodenständigen Schweizerdialekts nicht schwer: «S’Vreneli chräsmet dä Bärg duruf ist einfach nicht das Gleiche wie Das Vrenchen kletterte auf den Berg». Die gesamte Klasse schmunzelt und erhielt direkt noch einen Ratschlag für ihre zukünftigen Interpretationsarbeiten: «Fragt nie danach, was ein Autor mit der Geschichte wollte. Der Text gehört nämlich nicht ihm!»

Hollywood-Verfilmung mit Kristen Stewart
Daraufhin wird der Spiess umgedreht und die Lernenden vom Deutschlehrer dazu aufgefordert, ihre eigenen Gedanken zu Vrenelis Gärtli mit dem Autor zu teilen. Zwei engagierte Schülerinnen nehmen sich der Aufgabe an und stellen eine mögliche Besetzung für eine Hollywood-Verfilmung der erfolgreichen Geschichte vor. Vreneli würde nach ihnen von der facettenreichen Schauspielerin Kristen Stewart gespielt, bei anderen Charakteren seien sie rein nach der Optik gegangen, gestehen die Schülerinnen kichernd. Krohn zeigt sich beeindruckt: «Ich finde es spannend, dass ihr die Geschichte als Hollywood-Film seht.» Er habe seine Bücher nämlich tatsächlich schon an Marc Forster geschickt, jedoch bis heute noch keine Antwort erhalten.

Tim Krohn auf dem heissen Stuhl
Nach dem exklusiven Werkstattgespräch werden die Türen allen Interessierten geöffnet, die sich für die öffentliche Lesung im Rahmen der Juventus Schulen Eventreihe angemeldet haben. Kurz nach sechs Uhr abends eröffnet Literaturkritikerin Christine Lötscher die Lesung mit einer Frage, die vielen auf der Zunge brannte: «Tim Krohn, woher kommen eigentlich die Geschichten?». «Die sind schon da! Ich mache mich leer und dann kommt das. Oft sind vielleicht zuerst nur die Figuren und Konstellationen da. Die Tiefenstruktur, das Grundthema, das einen Roman beseelt, muss man sich natürlich schon erarbeiten. Erst dann berührt ein Text wirklich.»

Spannend wie eine Fernsehserie
Beim Schreiben von Vrenelis Gärtli habe ihn vor allem die Musik gesteuert, erklärt Krohn, der früher semi-professionell Saxophon spielte. Der Klang sei bei jeder seiner Geschichten ganz wesentlich, die Welten müssen spürbar sein. Was der Glarner Schriftsteller damit meint, wird dem Publikum klar, als er anfängt, aus Vrenelis Gärtli vorzulesen. Die Kunstsprache des bühnenaffinen Schriftstellers, bei der bodenständige Helvetismen mit schillernden Landschaftsbeschreibungen verschmelzen, zieht die Zuhörenden umgehend in den Bann. Und als das Vreneli den Berg duruf chräsmet oder die Mutter vom Mariili im Keller mit dem General umeschmüselet schmunzelt der ganze Saal.

Dann kommt Christine Lötscher auf seinen noch unveröffentlichten Roman Herr Brechbühl sucht eine Katze zu sprechen. Der wird als erster belletristischer Roman auf Crowdfunding-Basis im Februar 2017 veröffentlicht. Das Publikum der Juventus-Autorenlesung kommt aber schon an diesem Abend in den exklusiven Genuss zweier Leseproben. «Der Roman hat den Sog einer sehr guten Fernsehserie», bemerkt Lötscher treffend.

«Ich will Geschichten erzählen»
Krohns neuer Roman hat übrigens einen durchaus pragmatischen Hintergrund: Für den geplanten Einzug seiner Grossmutter, der eine Renovation seines alten Hauses mit sich zog, musste Geld her. So kam der Schriftsteller auf die originelle Idee, die Geschichten zu seinem neuesten Projekt, bei dem er alle erdenklichen Wesenszüge eines Menschen beschreiben wollte, zu versteigern. Innerhalb eines Monats hatte er das nötige Geld zusammen und insgesamt 197 Geschichten verkauft, die auf drei Bände verteilt herauskommen werden. Durch seine Geschichten, die die verschiedensten Facetten des Menschseins abbilden, zieht sich nämlich ein roter Faden. Zusammengeführt werden die Geschichten im Mikrokosmos einer Genossenschaftswohnung im Zürcher Kreis 5. Tim Krohn scheint diese Herausforderung jedoch locker zu bewältigen: «Man sagt ja, als Schriftsteller müsse man sich freischreiben. Und ich dachte immer, ich hätte mich schon lange befreit. Doch irgendwie tut sich da immer noch was», erklärt Krohn augenzwinkernd und es scheint, als habe er für die Zukunft noch so einige Trumpfe im Ärmel.

Gewinnspiel:
Wie heisst der Vorläufer zu Tim Krohns Bestseller-Roman Vrenelis Gärtli, der ebenfalls im Glarnerland spielt und in einer dialektischen Kunstsprache geschrieben ist? Die schnellste Antwort (mit Lösungswort und Adresse) an info@juvenews.ch gewinnt ein vom Autor signiertes Exemplar von Vrenelis Gärtli.