Vom Lernen zum Lehren

Wer andere lehren möchte, muss zuerst lernen. Deshalb hat Fatih Erkut eine ganze Weile die Schulbank gedrückt. Heute gibt er sein Wissen jeden Tag an junge Menschen weiter – und ist sehr glücklich in seinem Beruf.

 

 

Herr Erkut, Sie unterrichten an den Juventus Maturitätsschulen Betriebs- und Volkswirtschaftslehre. War es schon immer Ihr Wunsch, Lehrer zu werden?
Nein, ich habe zufällig entdeckt, dass mir dieser Beruf Spass macht. Ich habe nach meiner KV-Lehre die Berufsmatura nachgeholt und anschliessend an der Fachhochschule mit dem Bachelorstudium der Betriebsökonomie begonnen. Weil ich berufsbegleitend studiert habe, konnte ich in diesen vier Jahren nebenbei 80 % in einer Bank arbeiten. Zufällig entdeckte ich das Inserat einer Förderschule, die Nachhilfelehrer suchte. Ich habe mich gemeldet – und habe so die ersten Erfahrungen als Lehrer gesammelt.

Sie waren zu diesem Zeitpunkt also selber noch sehr jung.
Das ist richtig. Und es war für mich eine sehr wertvolle Erfahrung. Die Gruppen waren klein und es ging darum, gemeinsam mit den Schülern auf einer kollegialen Ebene Lösungswege zu finden. Ich stellte fest, dass mir diese Arbeit grosse Freude machte. Was als Nebenjob begonnen hatte, entwickelte sich schliesslich zu einem neuen Berufswunsch.

Also haben Sie diesen Berufswunsch nach der Fachhochschule in die Tat umgesetzt?
Ja, aber vorerst nur Teilzeit. Weil ich mich sehr für theoretische Fragestellungen interessiere, habe ich an der Universität St. Gallen weiterstudiert und einen zweiten Bachelor, diesmal in Volkswirtschaft, gemacht. Zeitgleich habe ich zwei Tage pro Woche in verschiedenen Klassen Wirtschaft und Gesellschaft unterrichtet.

Diese Klassen waren vermutlich grösser als die Nachhilfegruppen der Förderschule?
Nicht nur die Klassengrösse war eine neue Erfahrung. Viele von uns kennen es von ihrer Zeit in der Berufsschule: Nicht jedes Thema hat uns brennend interessiert, manchmal war das Teilnehmen am Unterricht auch mehr ein «Müssen» als ein «Wollen». In dieser Zeit habe auch ich viel dazugelernt.

Zum Beispiel?
Wie man junge Menschen zum Lernen motiviert, ohne sie unter Druck zu setzen. Es war mir wichtig, allen in der Klasse zu helfen, egal, ob ihnen das Lernen leichtfiel oder nicht. Die Rückmeldungen der Klasse waren sehr positiv – da wusste ich, dass ich den richtigen Weg gewählt hatte.

Dann haben Sie nach dem Volkswirtschaftsstudium in einem Vollzeitpensum unterrichtet?
Noch nicht sofort. Ich habe an der Universität St. Gallen zuerst noch den Master in Management abgeschlossen, weil ich der Meinung bin, dass detaillierte Kenntnisse und ein fundiertes Fachwissen für das Unterrichten sehr wichtig sind. Danach habe ich eine Spontanbewerbung an die Juventus Schulen geschickt. Ich war im richtigen Moment am richtigen Ort – dort fand in einer Weiterbildungsklasse gerade ein Lehreraustausch statt und die Klasse stand kurz vor den Abschlussprüfungen. Ich wurde also quasi ins kalte Wasser geworfen.

Zum Glück aber nicht ganz ohne Erfahrungen …
Ja, alle Studierenden haben die Abschlussprüfung bestanden, worüber ich mich riesig gefreut habe.

Das sind die schönen Momente in Ihrem Beruf.
Genau. Schöne Momente gibt es viele. Kürzlich habe ich zufällig einen ehemaligen Schüler getroffen, der durch meinen Unterricht einen spannenden Weg eingeschlagen hat. Er hat inzwischen sogar eine Führungsposition eingenommen und ist mit seinem Job sehr zufrieden. Solche Rückmeldungen zeigen mir, wie sinnvoll mein Beruf ist. Ich finde, dass ich einen sehr dankbaren Job habe.

Welches sind die grössten Herausforderungen?
Oft stehen die einzelnen Schüler an ganz verschiedenen Punkten – nicht alle bringen das gleiche Wissen mit. Es ist mir wichtig, den Unterricht so zu gestalten, dass alle Schüler davon profitieren. Wenn ich spüre, dass jemand verunsichert ist, versuche ich zu helfen. Wir alle dürfen Fehler machen. Dadurch lernen wir schlussendlich auch, es beim nächsten Mal besser zu machen.

Die Unterrichtsgestaltung ist ein Thema, das zu ganz unterschiedlichen Ansichten führt. Wo sollten Ihrer Meinung nach die Schwerpunkte beim Unterrichten liegen?
Die Jugendlichen sollen den Stoff tiefgründig verstehen. In vielen privaten Lehrgängen fehlt aber das kritische Hinterfragen. Auch deshalb schreibe ich zurzeit eine Doktorarbeit, die sich diesem Thema widmet. Wir möchten ein Schulmodell entwickeln, das Raum zum Hinterfragen lässt. Wenn die Ergebnisse dieser Forschungsarbeit irgendwann in der Praxis umgesetzt werden, würde natürlich ein grosser Wunsch in Erfüllung gehen.

Wie finden Sie den Ausgleich zu Ihrem Job?
Bei schönem Wetter geniesse ich die gemeinsame Zeit mit Freunden und Familie beim Grillieren. Ausserdem hüte ich einmal pro Woche meinen dreijährigen Neffen. Dann gehen wir gemeinsam in die Spielwarenabteilung oder in den Zoo. Diese Stunden geniesse ich sehr. Dann kann ich völlig abschalten und für kurze Zeit selber nochmal ein bisschen Kind sein.